Leitartikel der Woche

Ein Papst für den Menschen
Andreas Feiertag
andreas.feiertag@rzg.at
Als Jesuitenpater Jorge Mario Bergoglio hat er Trinkwasser in die Slums Lateinamerikas gebracht und Schulen für die Kinder aufgebaut, hat ausbeutende Wirtschafts- und Sozialsysteme ebenso kritisiert wie menschen­verach­tende Staatsformen und politische Regime. Und seit nur knapp mehr als einem Jahr hat er sich als Papst Franziskus die Herzen von Millionen von Katholiken und Menschen anderer Konfessionen erobert. Im Vatikan hingegen wird das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche angefeindet.

Papst Franziskus hat am Ostersonntag den traditionellen Segen „Urbi et Orbi“ auf dem Petersplatz erteilt. Der Jesuit rief unter anderem zu einem verstärkten Einsatz gegen die Hungersnot auf der Welt auf und forderte mehr Engagement zugunsten von Kindern und Senioren, ebenso bat er um die Einstellung von Krieg und Gewalt. Und kommenden Sonntag, am 27 April, steht mit der Heiligsprechung seiner beiden Vorgängerpäpste Johannes XXIII. und Johannes Paul II. ein einzigartiges Ereignis in der Kirchenge­schichte an, zu dem bis zu fünf Millionen Pilger erwartet werden. Ebenso einzigartig sind Reformfreude und Denkweise des Papstes – was seine Beliebtheit ausmacht.

Franziskus ist davon geprägt, dass die Unterschiede zwischen reich und arm nirgendwo so groß sind wie in Lateinamerika. Und er ist vertraut mit der dortigen Befreiungs­kirche. Was Wunder also, dass er eine Revolution von oben angezettelt hat: Franziskus wohnt nicht im apostolischen Palast, er geht in die Mensa essen, er verzichtet auf den gesamten Prunk. Das ist neu. Und er bringt ein völlig neues Denken in den Vatikan. Er fragt nicht: Sind die Menschen gut genug für die Kirche. Stattdessen fragt er: Ist diese Kirche gut genug für die Menschen?

Aus dieser Überlegung heraus dürfte noch heuer ein Verbot fallen – Wiederver­heiratete dürften Zugang zu den Sakramenten bekommen. Und es wird derzeit über die Ehelosigkeit der Priester nachgedacht. Die Kirche könnte unter Papst Franziskus es den Priestern freistellen, ob sie zölibatär leben oder heiraten wollen. Franziskus hat schon mehrfach betont, dass der Zölibat kein Dogma, sondern nur ein Abkommen ist.

Die meisten Kurienkardinäle, die die Kirche regieren, sind darob freilich schockiert. Zudem hat er viele ihrer Privilegien gestrichen. So gibt es den zwei Monate langen Sommerurlaub nicht mehr im Vatikan und er hat die Gehälter um 25 Prozent reduziert. Mit diesen Maßnahmen und mit seinem für viele konservative Kleriker allzu liberalem Denken macht er sich natürlich Feinde innerhalb der Vatikanmauern. Viele Kurienkardinäle machen sich über ihn lustig, weil er kein großer Theologe ist – anstatt in der Studierstube Schriften zu wälzen, hat er Hand angelegt, um den Armen zu helfen. Und er spricht wie sein nun zur Heiligsprechung anstehende Vorgängerpapst Johannes Paul II. aus, was ausgesprochen gehört: etwa die (Mit-)Schuld der Kirche an vergangenem Leid.

Dies macht Schule. So hat in seiner Osterpredigt im Feldkircher Dom auch Bischof Benno Elbs gesagt, wenn man vom „Schönen des christlichen Glaubens“ spreche, müsse man das vor dem Hintergrund christlicher Schuld sehr demütig und bescheiden tun. Bevor man versuche, das Positive zu stark zu beleuchten, sei es redlich, mit einem Geständnis zu beginnen: Das Christentum habe auch viel Verwirrung und Leid in die Welt gebracht, in manchen Zeiten der Geschichte Methoden der Intoleranz zugelassen. Genau so findet die Kirche wieder die Nähe zum Menschen und der Mensch die Nähe zur Kirche.
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