Leitartikel der Woche

Das Dach der Welt
Christian Marold
christian.marold@rzg.at
Fast alle Vorarlberger schätzen die wunderbare Landschaft im Ländle vor allem die wunderbare Bergwelt. Viele beschreiben eine Gipfelbe­steigung mit dem Gefühl Gott etwas näher zu sein. Nicht ganz so religiöse Menschen nutzen eine Bergwanderung für die innere Ruhe und am Ziel wird allen bewusst oder unbewusst klar: Die Aussicht auf die Welt unterhalb des Berges ist eine Erweiterung des eigenen Horizonts und schärft das Bewusstsein auf die wesentlichen Dinge im Leben. Dieses Erlebnis schätzen nicht nur wir Vorarlberger, sondern auch viele Menschen aus dem Ausland, die bei uns Urlaub machen. Genau darum gilt der Klischeesatz nach wie vor: „Wir leben da, wo andere Urlaub machen!“ Dies sollte uns immer bewusst sein und damit verbunden müssen wir diesen Urlaubsort auch bewahren und schätzen.

Vier Monate nach dem schweren Erdbeben im Himalaya-Gebirge hat Nepal vergangenen Sonntag die Herbstsaison für Bergsteiger am Mount Everest eröffnet.

Er freue sich über diese „positive Botschaft“, sagte Nepals Tourismus­minister Kripasur Sherpa. Durch das Erdbeben habe die Touris­musb­ranche erhebliche Verluste erlitten.

Auf der ganzen Welt, vor allem aber der westlichen Welt spürte man eine enorme Welle der Hilfsbe­reit­schaft. Unzählige Charity-Veranstaltungen gab es und Regierungen haben aktiv aufgerufen den Erdbebenopfern zu helfen. Diese Welle der Hilfsbe­reit­schaft war auch nötig, denn diese arme Region kann ein solches Ausmaß einer Katastrophe nicht alleine stemmen. Kurz nach dem Erdbeben warb die nepalesische Tourismusbehörde bereits wieder für das Abenteuer „Mount Everest“. Natürlich aus einem ganz speziellen Grund. Die Region rund um den höchsten Berg der Welt lebt vom Tourismus.

Für viele ambitionierte und passionierte Bergsteiger ist die Besteigung des Daches der Welt ein Traum. Oft bleibt es aus finanziellen Gründen ein solcher, aber der Bergtourismus rund um das Gebiet des Mount Everest hat in den letzten Jahrzehnten ungeahnte Ausmaße angenommen.
Wer genug Geld auf dem Konto hat (im Schnitt kostet eine Besteigung circa 50.000 US-Dollar), kann auf den Berg - egal in welcher körperlichen Lage er sich befindet. Genau diese Fälle der überschätzten Fitness hat so manche Gruppen in den Tod geführt. Über 300 Menschenleben kostete es auf Grund dieser Überheblichkeit den höchsten Berg der Welt zu besteigen.

Übrigens ist die Zahl der tödlichen Wanderunfälle in Österreich in diesem Jahr auf einem traurigen Rekordhoch. Häufigste Unfallursache: Fehleinschätzung der eigenen körperlichen Fähigkeiten.

Weitere parallele Probleme zwischen dem Dach der Welt und unseren etwas kleiner ausgefallenen Mount Everests sind die Massen an Wanderern und damit verbunden die „Andenken“, die sie auf den Bergen liegen lassen. Im Eigenheim würde man diese Andenken als Müll bezeichnen und das sind sie ja auch. Jährlich landen viele Tonnen an Müll in den Bergen und man trifft mittlerweile auf mehr Energieriege­lverpac­kungen als auf Enzian und Co. (hier ist nicht der Schnaps
gemeint). In bestimmten Jahreszeiten erlebt man auch ein absolutes Hoch an Besucherzahlen auf den Berggipfeln. So kann es schon sein, dass man auf gewissen Routen auf die Zimba, Matterhorn oder auf den Sagarmatha - wie der Mount Everest auf Nepali heißt - Wartezeiten einrechnen muss. Oben auf dem Gipfel kann es dann schon passieren, dass man den ein oder anderen Nachbarn antrifft, den man unten im Tal schon für vermisst geglaubt hatte.

Das Dach der Welt - und dieser Berg steht stellvertretend für alle Berge, ist mit dem eigenen Dachboden zu vergleichen. Dort oben findet man unter viel Müll so manchen Schatz, aber dafür muss man den Dachboden erst einmal entrümpeln.

Um dies umzusetzen, muss man einfach einmal die Perspektive ändern.
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