Leitartikel der Woche

Immer länger leben - oder doch nicht?
Andreas Feiertag
andreas.feiertag@rzg.at
Die Lebenserwartung der Vorarlberge­rinnen und Vorarlberger liegt über dem Bundesschnitt. Ein Mädchen, dass im Vorjahr hierzulande auf die Welt gekommen ist, kann damit rechnen, 84,7 Jahre alt zu werden – ein Höchstwert. Buben aus demselben Geburtsjahr erwartet ein Lebensalter von bis zu 79,2 Jahren. Allerdings nur rein statistisch, denn so wie es aussieht, ist der Zenit längst überschritten und verkürzt der allgemeine Lebenswandel die Lebensspanne.

Die aktuellen Rechenbeispiele jedoch stimmen zunächst zuversichtlich: Ein 2011 in Österreich geborener Bub kann damit rechnen, 78,1 Jahre alt zu werden, für Mädchen beträgt die Lebenserwartung 83,4 Jahre. Ist das Baby das erste Kind seiner Mutter, so war die Frau bei der Geburt 28,5 Jahre alt. Diese Zahlen hat die Statistik Austria auf der Basis von Meldungen der bundesweit rund 1.400 Standesämtern errechnet. In Österreich wurden demnach im vergangenen Jahr 78.109 Babys geboren, um 633 oder um 0,8 Prozent weniger als 2010. Gleichzeitig wurden 76.479 Sterbefälle verzeichnet, womit die Geburtenbilanz mit einem Plus von 1.630 zum zweiten Mal in Folge positiv ausfiel.

Die Lebenserwartung von Frauen beziehungsweise Mädchen stieg im Vergleich zu 2010 um 0,3, jene der Männer beziehungsweise Buben um 0,4 Jahre. Über dem Bundes­durch­schnitt liegt das zu erwartende Lebensalter wie erwähnt am stärksten in Vorarlberg, gefolgt von Tirol und Salzburg. Die niedrigsten Zahlen ergaben sich für Wien, wo Männer 77,1 und Frauen 82,4 Jahre alt werden.

Trotz des Rückgangs bei Geburten kamen in zwei Bundesländern mehr Kinder zur Welt als im Jahr zuvor: in Wien plus 1,0 Prozent und im Burgenland plus 0,4 Prozent. Am deutlichsten fiel der Rückgang in Kärnten mit minus 2,7 Prozent und in Vorarlberg mit minus 2,4 Prozent aus. Beim ersten Kind war frau in Österreich 2011 durch­schnittlich 28,5 Jahre alt, um 0,2 Jahre älter als im Vorjahr. Und die „kinder­reichsten“ Frauen gab es im Vorjahr in Vorarlberg, dort brachte jede Frau durch­schnittlich 1,52 Babys zur Welt. Übrigens: Knapp mehr als 40 Prozent der Babys kamen unehelich zur Welt, die Zahl der Eheschließungen war 2011 im Bundesschnitt um drei Prozent niedriger als im Vorjahr, den größten Rückgang gab es in Vorarlberg mit minus 7,1 Prozent.

So viel zu den Statistiken, so weit zu den Zahlen, die vordergründig eines suggerieren: Vorarlberg ist ein Land mit hoher Lebensqualität und gut ausgebauter medizinischer Versorgung, nur als klassisches, traditionelles Eheland will das Ländle nicht mehr herhalten. Wahrscheinlich jedoch trügt der Schein: Die traditionelle Ehe wird europaweit immer weniger geschlossen, andere Familien­situationen, die nicht zuletzt mit einem sich ständig verändernden Arbeitsmarkt und sich verändernden Werten zusammenhängen, treten in den Vordergrund.

Was die Lebenserwartung betrifft, so ist derzeit jedoch nicht damit zu rechnen, dass die Prognosen zutreffen werden. Sowohl in Vorarlberg als auch im Rest Österreich zeigt sich nämlich seit geraumer Zeit eine dramatische Zunahme von Volkskran­kheiten wie zum Beispiel Diabetes Typ Zwei sowie krankhaftes Übergewicht – und zwar schon bei Kindern und Jugendlichen. Entsprechend ist damit zu rechnen, dass die Vorhersagen bezüglich der ständig steigenden Lebenserwartung nicht eintreffen werden. Wenn die Gesellschaft hier nicht zu einem Wandel der Lebensgewoh­nheiten bereit ist – und dies liegt in der Eigen­verant­wortung aller Vorarlberge­rinnen und Vorarlberger. Die Zahlen bieten ein trügerisches Bild von Sicherheit.
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