Leitartikel der Woche

Lieber mehr Geld als viele Titel
Raimund Jäger
raimund.jaeger@rzg.at
Österreich war seit jeher ein Land, in dem man auf Titel mehr Wert gelegt hat als anderswo. In den 80ern war es für mich in Wien nicht ungewöhnlich, dass die Frau neben mir beim Fleischer mit „Sehr wohl, zwanzig Deka Krakauer für die Frau Hofrat“ angesprochen wurde. Selbst Sätze wie „Darf’s noch was sein, Frau Kammersekretär“ wurden ohne ironisches Lächeln ausgesprochen, wohl wissend und sehend, dass der Herr Kammersekretär seine Frau aus Thailand mitgebracht hat. Auch die mehrheitlich innerösterreichischen Minister scheinen dieser antiquierten, aber durchaus charmant-skurrilen Sitte noch hoffnungslos verfallen zu sein – anders kann ich es mir nicht erklären, dass die neue Gesun­dheits­minis­terin Sabine Oberhauser, die ja nun wahrlich genug andere Sorgen haben dürfte, in ihrem Programm unter anderem vorschlug, dass Kranken- und Altenpfleger zukünftig einen Abschluss an der Uni oder zumindest der Fachhochschule haben sollten.
Ausgerechnet die Pflegedienste! Zumindest in Vorarlberg ist es so, dass viele Pflegedienste von Freiwilligen gemacht werden, die über viel Herz, aber oft nur wenig Ausbildung verfügen. Klar, das sind nicht jene Menschen, die Katheder setzen und Blut abnehmen; aber selbst für die gehobenen Pflegeberufe bedurfte es bislang nur eines Diploms und keineswegs einer Matura oder gar eines Uni-Abschlusses. Neben der Tatsache, dass der Pflegeberuf nicht gerade zu den bestbezahlten Jobs gehört, ist auch schon jetzt ein deutlicher Mangel an Pflegekräften zu beklagen. Die Idee der Ministerin, dass sich dies durch eine noch längere, schwierigere und vor allem kostenaufwen­digere Ausbildung ändern werde, ist weniger Science denn Fiction. Ein Mensch, der ein Studium auf sich nimmt, um nachher – nicht nur aber auch – alte Menschen zu wenden, hat zwar eine Menge lobenswerten Idealismus; allein kann ich mir nicht vorstellen, dass dies mehr lockt als etwa ein gutgehende Anwaltskanzlei, einen Job in der Gen-Forschung oder diverse Tätigkeiten an der Börse, im Operationssaal oder in führenden Wirtschafts­positionen.

Mit Pflege ist es vielmehr wie mit Singen: Entweder man kann und will das oder eben nicht. Reine Theoretiker (und diese würden nach den Plänen der Ministerin eher gefördert), die nach ihrer Ausbildung mehr oder weniger auch den Job eines Hausarztes übernehmen könnten, spielen doch wohl gleich lieber den Schmied als den Schmiedle. Was pflegebedürftige Menschen neben der meist nicht allzu schwierigen medizinischen Versorgung brauchen, ist Zuwendung, Verständnis, Geduld und ein Mindestmaß an Ansprache – allesamt Dinge, die man in einem Pflegeheim sehr wohl, an einer Uni aber wohl kaum lernen kann. Und was die Gier nach Titeln betrifft, so erscheint mir ein Mensch, der den Pflegeberuf erlernen und ausüben will weit weniger gefährdet als eine Person, die etwa eine höhere Beamtenlaufbahn einzuschlagen gedenkt. In Summe scheint mir dies also eher eine unausgegorene Idee zu sein, Frau Minister – was Sie dank einer Ausbildung als praktische Ärztin als auch akademische Kranken­haus­managerin und langjährige führende Gewerkschaftsbündlerin eigentlich ahnen sollten.

Keine Schnapsidee wäre es dagegen, den Pflegeberuf nicht unbedingt akademisch, dafür aber punkto Ausbildung (intensive, vom Staat bezahlte Kurse) und vor allem finanziell aufzuwerten. Denn es ist die Arbeitsüberlastung und die vergleichsweise geringe Bezahlung, die prinzipiell interessierte Menschen daran hindert, diesen Beruf zu ergreifen – nicht die fehlenden Titel und Diplome!
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