Leitartikel der Woche

Österreich: Platz 1
Christian Marold
christian.marold@rzg.at
Österreich belegt laut der neusten OECD-Studie den ersten Platz. Leider! Das Ganze ist nämlich ein Negativrekord. Gemeint sind die Opfer von Bullying. Das ist Mobbing in der Schule. Demzufolge berichtet hierzulande einer von fünf Schülern (gemeint sind hier Buben) im Alter von elf bis fünfzehn Jahren von zumindest zwei „Bullying“-Erfahrungen in den vergangenen zwei Monaten in der Schule. Mit 21,3 Prozent weist Österreich damit einen fast doppelt so hohen Anteil an Mobbingopfern im Schulumfeld aus als der OECD-Schnitt der 27 untersuchten Länder mit elf Prozent. Die absolut niedrigste Bullying-Rate hat Schweden mit vier Prozent. Bullying ist ein schleichender Prozess und hat immense Auswirkungen auf das zukünftige gesell­schaft­liche und gesundheitliche Leben der Jugendlichen. Die Experten der OECD sprechen hier von ernsthaften Langzeitfolgen. Kinder, die vom Bullying betroffen sind, haben später weniger Erfolg im Berufsleben, sind schneller krank und haben enorme Probleme sich im gesell­schaft­lichen Leben zu integrieren. Was tun wir alle gegen solche massiven Probleme in der Schule? Laut Studienerge­bnisse nichts oder zumindest viel zu wenig.

Jeder, der die Schule besucht hat und das sind die meisten von uns, haben die ein oder andere „Hänselei“ am eigenen Leib miterlebt oder sie an anderen Mitschülern ausprobiert. Wann beginnt aber ein kleiner neckischer Scherz und wann startet ein psychischer Terrorakt? Die Grenze ist verschwindend gering und die Täter bemerken es oft gar nicht und somit ist es eine Aufgabe des Lehrkörpers und vor allem auch der Eltern diese Zeichen zu erkennen. Nur woher soll man wissen, wann das eigene Kind vom Bullying betroffen ist? Welche Anzeichen gibt es und wie verhalte ich mich richtig? In anderen Ländern, die übrigens im unteren Teil der Studie auftauchen, gibt es Mediatoren, die gezielt mit dem Lehrpersonal und den Eltern arbeiten. Sie beraten, beobachten und treten als dritte Instanz ein, wenn solche Mobbingfälle auftreten.

Die OECD gibt auch explizit folgende Empfehlung aus: „Kinder brauchen ein ausgewogenes Set an kognitiven, sozialen und emotionalen Fähigkeiten, um ein positives, gutes Leben zu erreichen.“ Dieser Satz klingt eigentlich wunderbar und könnte schon fast ein Grundgesetz der Kinderrechte sein. Leider ist dieses sogenannte ausgewogene Set nicht in allen Elternhäusern vorhanden. Und wir sprechen hier nicht unbedingt nur von sozial schwachen Familien. Kleines Beispiel: Wenn ein Jugendlicher nicht die neusten Sachen zum Anziehen hat oder das neuste Handy und/oder die neuste Spielekonsole, kann das schon ein Bullyinggrund sein. Wie gesagt - es muss nicht immer nur am fehlenden Geld liegen, sondern auch an den Werten, die eine Familie zu Hause vertritt. Wie komisch wurde ein Kind vor zwanzig Jahren angeschaut, wenn es keinen Fernseher zu Hause hatte. Kleine Dinge, die viel bewegen können. Das ist der gesell­schaft­liche Druck, den wir alle mitverantworten. Am Ende ist es die Summe aller Einzelteile, die einen Jugendlichen dazu veranlasst mitunter einen Schritt in seinem Leben zu vollziehen, die die Täter von Bullying wahrscheinlich nie so gewollt hätten.

Übrigens sind Mädchen in diesem Erhebungsalter der Studie weitaus weniger von Bullying betroffen als die Buben.

Was bei dieser OECD-Studie nicht erfasst wurde, sind die Mobbingattacken im Internet und am Telefon. Hier dreht sich interessanter­weise die Zahl wieder, denn Mädchen werden hier mehr gemobbt als Jungs.

Österreich belegt also den unrühmlichen ersten Platz der OECD-Studie und im Ländle hat ein Bullying-Opfer erfolgreich die eigene Schule und somit die Republik auf Verletzung der Sorgfaltspflicht geklagt. Wen wundert es also? Aber das ist nur die Spitze des Eisbergs.
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