Leitartikel der Woche

Öster-Reich
Christian Marold
christian.marold@rzg.at
Es gab vor Jahren eine Werbekampagne mit dem Slogan: „Öster-reich hilft Öster-arm“. Eine simple Botschaft mit großer Wirkung. Die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer größer und dennoch ist Österreich nach wie vor eines der reichsten Länder der Welt. Unterm Strich geht es uns also gut. Oder doch nicht? Nach den letzten Zahlen von der Armutskonferenz könnte man das Gegenteil meinen. 19.000 Kinder sind alleine in Vorarlberg armutsgefährdet. Das ist eine sehr erschreckende und bedenkliche Zahl. Rechnet man dies hoch mit einem Erwachsenen als Erziehungs­person, dann sind wir schon bei knapp 40.000 Menschen, die in Vorarlberg armutsgefährdet sind.
Kein Wunder also, dass man im Land wenig Platz hat für noch ärmere Menschen, wie zum Beispiel die Bettler oder Flüchtlinge aus Krisengebieten. Nein, da haben die Politiker schon recht, wenn man erst einmal vor der eigenen Haustüre kehrt um die Probleme in den Griff zu bekommen.
Unterm Strich passiert aber im Moment bezüglich Armut leider gar nichts oder zumindest viel zu wenig.
Caritas-Wien-Generalsekretär Klaus Schwertner sagte kürzlich in einem Interview, dass das Erstaufnah­mezentrum in Traiskirchen keine Spur besser sei als die Flüchtlingslager in Jordanien oder im Nordirak. Die Menschen in Traiskirchen würden in erbärmlichen Verhältnissen leben. Wo genau? Mitten in Öster-Reich.
So macht sich der vermeintliche Durchschnitts-Österreicher in diesen Tagen Gedanken, ob sein Geld auf der Bank noch sicher sei auf Grund der Griechen­landkrise und ob man überhaupt noch bei den Griechen Urlaub machen könne, denn man hat ja schon gebucht und man möchte doch wenigstens mit dem Urlaub bei den griechischen Freunden das marode Land unterstützen, ist im Moment aber verunsichert. Das sind wahrlich ernsthafte Probleme, wenn es einem gut geht.
Österreich und damit auch Vorarlberg sind derzeit mit drei humanitären Problemen konfrontiert: Die Armut im eigenen (reichen) Land. Die Bettler­prob­lematik und die Flüchtlingswelle, die so groß ist, wie seit dem zweiten Weltkrieg nicht mehr. Und da kommt schon die Erinnerung zurück. Gab es im zweiten Weltkrieg nicht auch Flüchtlinge aus Österreich, die von anderen Ländern aufgenommen wurden? Eben auf Grund ihrer Herkunft und ihres religiösen Glaubens?
Es existiert im Moment eine Schein­heiligkeit in der Öffentlichkeit und es gibt keine wirkliche Hilfe. Was geschieht ist lediglich ein Tropfen auf dem heißen Stein.
Müssen wir uns dem Bild der Bettler in den Städten stellen? Ja, und laut Michael Köhlmeier ohne moralische Ansprüche. Würden Bewohner in New York oder Berlin jeden Abend mit einem schlechten Gewissen ins Bett gehen, nur weil sie den fünfzig angetroffenen Bettlern nichts gegeben haben, dann wären diese Menschen hochgradig suizidgefährdet, nur vom moralischen Standpunkt aus.
Müssen wir den Asylwerbern helfen? Ja, schon alleine aus unserer eigenen Geschichte heraus und in diesem Punkt auch aus moralischen Gründen. Die Nachbar­schafts­hilfe der Caritas oder kleine gute Beispiele aus Gemeinden, wo Flüchtlinge zu Schülerlotsen ausgebildet werden und somit gesell­schaftlich gebraucht werden, sind nur einige Möglichkeiten, wie wir als Bürger helfen können. Und ja, jede einzelne Gemeinde in Vorarlberg muss einen Beitrag leisten, nicht nur einige wenige.
Müssen wir was gegen die Armut im eigenen Land tun? Ja natürlich, denn wer kann es moralisch aushalten, wenn plötzlich das Nachbarskind in der Fußgängerzone einen um Geld anbettelt? Aber Gott sei Dank kann das ja nicht passieren, denn wir haben ein „gutes“ Bettelgesetz.
Oh mein Öster-Reich, wie arm bist du!
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