Leitartikel der Woche

Ein paar letzte Zeilen des Abschieds
Andreas Feiertag
andreas.feiertag@rzg.at
Wohlan, der Jahre sind genug verstrichen, während derer ich wöchentlich an dieser Stelle mit Ihnen, sehr geehrte Leserin, sehr geehrter Leser, meine Gedanken teilen durfte. Gedanken über dieses Land, dessen Politik und Gesellschaft, seiner Menschen mit ihren Nöten und Hoffnungen. Wohl wissend, dass diese meine Gedanken nicht immer auch die Ihren waren, bedanke ich mich umso herzlicher bei Ihnen für die Lesetreue, für zahlreiche Zuschriften zustimmenden und ablehnenden Inhalts. Um es mit meinem Lieblingsübersetzer und -kolumnisten Harry Rowohlt zu sagen: Es waren mehr Meinungen als Deinungen. Wenn ich Ihnen aber dennoch zu denken geben konnte, so haben diese Kommentare ihren Zweck erfüllt. Nun jedoch ist Schluss, dies sind meine letzten Zeilen, die ich als Chefredakteur der Vorarlberger Regional­zeitungen an Sie richte, alsbald wird mein Nachfolger Christian Marold an dieser Stelle mit Ihnen in Dialog treten.
Abschied ist immer Zäsur, Zäsur bedingt mitunter Bilanz – ich beuge mich heute diesem Schema und also lege ich eine: Ich habe in den vergangenen fast sechs Jahren viel gelernt. Zum Beispiel dass Satire zwar ein gängiges Stilmittel ist, dass aber in Vorarlberg nur wenige mit Satire in die Gänge kommen – insbesondere dann, wenn sie sich dadurch selbst angesprochen fühlen. Oder dass Partei- und andere Funktionäre Meinungs- und Pressefreiheit so verstehen, dass sie unter Hinweis auf gebuchte Inseraten­schal­tungen die Freiheit hätten, der Presse ihre Meinung zu diktieren.

Die bedeutendste Lehre jedoch, die mir zuteil wurde, war diese: Selbst Gratiszeitungen im Kleinformat können von großem Format und unbezahlbarem Wert für die Region sein, wenn es denn einen respektvollen Umgang zwischen Mensch und Medium gibt, zwischen denen, die Zeitung machen, und jenen, die Zeitung lesen – und über die geschrieben wird. Und mich will das Gefühl nicht loslassen, dass dies in den Vorarlberger Regional­zeitungen verwirklicht wird.

Dazu trugen und tragen zwei Dinge bei: zum einen Sie selbst als Teil einer großen Leserschaft, die im regionalen Leben in Dorf und Stadt verwurzelt, in Institutionen und Vereinen organisiert ist und uns mit jenen Informationen und Inhalten versorgt, über die wir berichten können. Nur durch Ihre Unterstützung und durch diesen Austausch können wir Ihren Anforderungen auch gerecht werden, dafür gebührt Ihnen mein Dank. Und zum anderen ein funktionierendes Team, in dem nicht nur jede und jeder seine Arbeit verrichtet, sondern in dem man sich gegenseitig unterstützt, fördert und fordert. Mit einem solchen Team, das mir familiär geworden ist, durfte ich die vergangenen Jahre arbeiten. Auch und besonders diesen Menschen gebührt mein Dank.

Zeitung muss immer auch Opposition sein – religiös, parteipolitisch und wirtschaftlich unabhängige Opposition und Kontrollinstanz gegenüber den Mächtigen in Politik, Wirtschaft, Kirche und Gesellschaft. Journalismus braucht größtmögliche Freiheit, wenngleich sich auch Journalismus an ethische Grundsätze und Schranken halten muss. Ob mir das in der Vergangenheit immer gelungen ist, weiß ich nicht und kann es nur hoffen, seien Sie aber versichert, dass ich mich redlich bemüht habe, diesem Grundsatz zu folgen. Damit gilt es nun also Abschied zu nehmen, es war mir gleichermaßen Freude wie Ehre, Sie all die Jahre in und mit dieser Zeitung begleiten zu dürfen. Und ich wäre froh, wenn Sie mir auch weiterhin gewogen bleiben, wenn ich meinen Dienst ab November bei den Vorarlberger Nachrichten antrete. In diesem Sinne: Man liest sich!
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