Leitartikel der Woche

Unwort
Christian Marold
christian.marold@rzg.at
Es vergeht kaum ein Tag, an dem wir nicht das Wort „Krise“ hören. Wie auch? Es gibt sowohl national, als auch international viele Krisen.
Gibt man in Google den Begriff „Krise“ ein, so spuckt die Suchmaschine innerhalb von nicht einmal 20 Sekunden über achtundzwanzig Millionen Einträge aus. Darunter etwas Passendes zu finden ist unmöglich, und man würde sagen: „ I kriag di Krise!“. Von der Krise in der Beziehung, der Krise in der Partei bis hin zu Krisenherden in anderen Ländern: Alle Probleme sind behaftet mit diesem einen Wort. Möglicherweise ist es jetzt schon das Unwort des Jahrzehnts. Und immer kommt von allen Seiten sofort die Frage: Wie kommen wir aus der Krise wieder heraus? Dafür werden Experten zu Rate gezogen. Gremien oder Arbeitsge­mein­schaften werden gegründet.
Letzte Woche kam der Jahresbericht von der Vorarlberger Kriseninter­vention und Notfall­seel­sorge, kurz KIT, heraus. 215 Einsätze im vergangenen Jahr. Das ist das zweithöchste Ergebnis seit dem fünfzehnjährigen Bestehen der Organisation. Hier sprechen wir von wirklichen Krisen und zollen dem Team vom KIT höchsten Respekt!
Manche Krisen sind Spiralbe­wegungen nach oben, die wiederum zu anderen Krisen führen können. Die andauernde Wirtschafts­krise kann eine Arbeits­losenkrise bewirken und für manchen in eine existenzielle Lebenskrise führen. Das sind Schicksale, die dann mitunter nie erwähnt werden, weil sie auf das ganze System zu wenig Einfluss haben.
Europa ist im Moment in fester Hand von Griechenland. Man könnte den Satz auch anders rum lesen, aber der Eindruck erweckt die Sorge, dass Griechenland mehr um die Nase der EU tanzt, als dass die EU einmal klare Stellung bezieht und sich positioniert. Jeder mit gesundem Menschenver­stand kann nicht ganz nachvollziehen, dass man einem Staat Geld gibt, und dieser Staat dann selbst sagt, dass er sich an keine Auflagen mehr hält. Das würde heutzutage keine Bank machen, wenn unsereins einen Kredit möchte, aber die Auflagen nicht erfüllen kann beziehungsweise nicht möchte. Eine sehr seltsame Vorgehensweise der EU. Aber damit verbunden sind wir innerhalb der Europäischen Union in der Griechenland-Krise.
Vor den Toren der EU spielen sich außerdem zwei Szenarien ab, die wir mit großer Besorgnis beobachten sollten, und wir dementsprechend auch handeln sollten. Das eine wäre die Flüchtlingskrise und das andere die Ukraine-Krise. In der Ukraine passiert derzeit etwas, das Europa und der Rest der Welt schon einmal erlebt haben. Erst vor Kurzem sagte der frühere Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen, Russland könne ohne Weiteres in die baltischen Staaten einmarschieren, um die Reaktionsfähigkeit der Nato zu testen. Welche Auswirkungen hat das auf unser aller „normales“ Leben? Dazu müssen wir gar nicht soweit in unsere Vergangenheit zurück blicken. In den 1990ziger Jahren haben wir angefangen Bunker und zivil­schutz­tech­nische Einrichtungen zu schließen. Es war das Ende des Kalten Krieges, und somit konnten wir eine stetige, leise Angst langsam abbauen. Ein Krieg in Europa galt vor mehr als 20 Jahren als undenkbar. Zum jetzigen Zeitpunkt hat sich das geändert. Der Krieg findet zwar nicht unmittelbar vor unserer Haustür statt, aber mit all den neuen Waffen­tech­nologien ist es eigentlich nur ein Katzensprung aus dem Krisengebiet zu uns, und wir alle, samt Regierung, wären auf solche Szenarien nicht vorbereitet. Sind das nur Wahnvor­stel­lungen mancher NATO Generäle? Nein, es sind strategische Militärszenarien, die auch die andere Seite gut kennt. Ein ehemaliger Geheimagent, der lange in der DDR stationiert war, regiert nun Russland. Putin kennt Europa so gut wie kein anderer Russe, und genau das macht ihn so gefährlich.
Sind wir also froh, dass immer noch samstags, Punkt zwölf Uhr die Sirenen heulen. Zivilschutz 2.0. Dennoch sollten wir aus der Geschichte lernen. Machen wir aber nicht.
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