
Silvia Böhler
Tauziehen um gerechte Löhne
Drei Jahre hatte Österreich Zeit, die EU-Lohntransparenz-Richtlinie in nationales Recht umzusetzen. In zwei Wochen, am 7. Juni, läuft die Frist ab – doch die Bundesregierung hat bis heute keinen entsprechenden Gesetzesentwurf vorgelegt. Wieder einmal wird ein wichtiges Gleichstellungsthema auf die lange Bank geschoben.
In Vorarlberg wettert vor allem die Wirtschaftskammer gegen die Richtlinie und warnt vor „massiver Bürokratie“. Angesichts moderner IT-Systeme und
KI-Unterstützung wirkt dieses Argument allerdings wenig glaubwürdig. Noch fragwürdiger ist die bewusste Verunsicherung. Auf ihrer Homepage titelt die Wirtschaftskammer etwa „Die EU will dein Gehalt offenlegen: Wird das wirklich fairer?“. Dabei beachtet sie nicht, dass schon allein aus Datenschutzgründen
auch künftig Frau Kaufmann nicht erfahren wird, was Herr Müller konkret verdient.
Worum es tatsächlich geht, ist etwas völlig anderes: Unternehmen sollen endlich transparent machen müssen, nach welchen Kriterien Gehälter festgelegt werden. Fragt man Unternehmen, wird niemand Lohndiskriminierung zugeben, dennoch spielen Argumente wie mögliche Schwangerschaft, Karenz oder Betreuungspflichten eine Rolle. Solche Denkmuster haben in modernen Unternehmen nichts verloren. Die Richtlinie verlangt nachvollziehbare und geschlechtsneutrale Gehaltssysteme, die auch Verantwortung, Qualifikation sowie körperliche und psychische Belastung berücksichtigen. Damit wird nicht nur gleiche, sondern auch gleichwertige Arbeit vergleichbar.
Beschäftigte sollen künftig Einblick in die Durchschnitts- und Medianlöhne der Arbeitsgruppen erhalten. Liegt eine Lohnlücke von über fünf Prozent vor und fehlt eine sachliche Begründung, müssen Unternehmen handeln – sonst drohen Sanktionen. Dass dringender Handlungsbedarf besteht, zeigen die Zahlen: Laut Arbeiterkammer verdienen Frauen in Vorarlberg im Schnitt 21,7 Prozent weniger als Männer. Über Jahrzehnte summiert sich diese Ungleichheit zu massiven finanziellen Nachteilen – mit bitteren Folgen im Alter. Frauen erhalten fast 50 Prozent weniger Pension als Männer. Wer hier von „übertriebener Bürokratie“ spricht, verharmlost ein handfestes Gerechtigkeitsproblem. Selbst die Frauenorganisation der ÖVP bezieht mittlerweile offen gegen die Blockadehaltung der Wirtschaftskammer Stellung. Martina Rüscher und Julia Berchtold von „Wir Frauen – Vorarlberger Volkspartei“ bringen es auf den Punkt: Faire Bezahlung ist kein bürokratischer Luxus, sondern eine Frage der Gerechtigkeit.
Genau darum geht es. Das Tauziehen um eine faire Entlohnung muss endlich beendet werden. Wer Transparenz und gleiche Chancen weiterhin verzögert, verteidigt nicht die Wirtschaft – sondern veraltete Machtstrukturen.





