
Silvia Böhler
Wenn der Bildschirm schwarz bleibt
Die Digitalisierung wird als Inbegriff des Fortschritts gesehen. Das Versprechen klingt seit Jahren gleich: Alles wird einfacher, schneller und effizienter.
Viele Arbeitsprozesse sind automatisiert und digital gesteuert, privat bezahlen wir ohne Bargeld, kaufen online ein, erledigen Bankgeschäfte und Behördengänge mit dem Smartphone. Dabei wird gerne übersehen, dass nicht alle bei diesem digitalen Hype mithalten können oder wollen. Die Volkshilfe und der Pensionistenverband warnen vor zunehmender Ausgrenzung und fordern eine gesetzliche Absicherung analoger Angebote. Wer kein Smartphone besitzt oder digitale Dienste nicht nutzen kann, darf nicht zum Bürger zweiter Klasse degradiert werden.
Der digitale Fortschritt hat eine weitere gefährliche Kehrseite. Je mehr wir analoge Dienste abbauen, desto leichter sind wir verwundbar. Die Beispiele sind alarmierend: Bei einem Hackerangriff in Liechtenstein wurden Daten von rund 31.000 Stiftungen und Unternehmen kopiert. In Frankreich sind Anfang Oktober Hacker in die Kühltechnik von hunderten Supermärkten eingedrungen. Anstatt zu kühlen, fingen die Regale an zu heizen und verursachten Schäden in Milliardenhöhe. Dasselbe passierte vor zwei Tagen in weiteren EU-Ländern. Und schließlich zwang eine Sicherheitslücke in der Programmiersprache PHP Behörden, Städte und Verkehrsbetriebe weltweit, ihre Internetseiten vorsorglich vom Netz zu nehmen. Aber nicht nur Hacker sind eine Gefahr – Stromausfälle, technische Defekte oder Softwarefehler können digitale Systeme lahmlegen.
Trotzdem digitalisieren wir, was das Zeug hält, und erklären analoge Strukturen zum Auslaufmodell. Was passiert aber, wenn Verwaltung, Energie- und Wasserversorgung, Verkehr oder Gesundheitswesen plötzlich nicht mehr funktionieren? Wenn Identitäten gestohlen oder die eigene Krankenakte plötzlich nicht mehr abrufbar ist? Experten fordern seit längerem eine Rückbesinnung auf analoge Alternativen. Sie werden als unverzichtbare Bestandteile einer vernünftigen Sicherheitsstrategie gesehen.
Das Analoge ist keine Ablehnung des Fortschritts, sondern eine notwendige Absicherung für Unternehmen, kritische Infrastrukturen und nicht zuletzt für die persönliche Selbstbestimmung jedes einzelnen Menschen. Wer sämtliche Alternativen beseitigt und alles auf eine Karte setzt, darf sich nicht wundern, wenn beim nächsten Systemausfall nicht nur der Bildschirm schwarz bleibt, sondern gar nichts mehr geht. Fortschritt zeigt sich nicht daran, wie viel Technik wir einsetzen, sondern daran, ob wir auch ohne sie handlungsfähig bleiben. Wir sollten mittlerweile klug genug sein, uns nicht von einer einzigen Technologie abhängig zu machen.






