
Silvia Böhler
Hunde statt Kinder
Hunde prägen das Straßenbild wie selten zuvor. Ob ein kleiner Begleiter im Café, ein Dackel im Fahrradkorb oder ein Windhund beim Joggen – für viele Menschen sind Hunde längst nicht nur Haustiere, sondern Begleiter und vollwertige Familienmitglieder. Es wird viel Zeit und Fürsorge investiert und für hochwertiges Futter, Spielzeug und teure Accessoires viel Geld ausgegeben.
Die Beliebtheit von Hunden spiegelt sich auch in Zahlen wider: Laut Statistik Austria lebt in jedem zehnten Vorarlberger Haushalt mindestens ein Hund – Tendenz weiter steigend. Demgegenüber steht eine sinkende Geburtenrate, die im vergangenen Jahr einen historischen Tiefstand erreicht hat. 2025 wurden in Vorarlberg nur noch 3.594 Kinder geboren – so wenige wie noch nie seit Beginn der Erhebungen im Jahr 1961. Natürlich ersetzt ein Hund kein Kind. Trotzdem stellen sich mittlerweile viele die Frage, warum immer mehr Menschen einen Vierbeiner aufnehmen, während immer weniger Kinder geboren werden.
Meiner Erfahrung nach wünschen sich junge Frauen und Männer durchaus eine Familie – doch zwischen Wunsch und Wirklichkeit klafft eine große Lücke.
Ein Kind großzuziehen, bedeutet Verantwortung, Einschränkungen und vor allem hohe Kosten. Wohnen, Essen, Kleidung, Schule, Freizeit und vieles mehr belasten das Familienbudget. Laut Vorarlberger Familienverband sind es rund 250.000 Euro bis zum 18. Geburtstag des Kindes. Ebenso steigen aber auch seit Jahren die Erwartungen an die Eltern: Sie sollen sich intensiv um ihre Kinder kümmern, beruflich erfolgreich sein, sich ein Leben lang fortbilden, die ältere Generation betreuen und daneben noch Zeit für Partnerschaft und Selbstverwirklichung finden. Viele junge Menschen verschieben ihren Kinderwunsch deshalb nach „hinten“ oder verzichten ganz darauf – nicht aus mangelnder Liebe zu Kindern, sondern weil die Rahmenbedingungen dagegen sprechen.
Auch ein Hund kostet Zeit und Geld. Doch im Vergleich zu einem Kind bleiben Aufwand, Kosten und Verantwortung überschaubar. Früher galten Ehe, Eigenheim und Kinder als selbstverständlich, heute kann jeder frei darüber entscheiden. Und häufig haben Karriere, finanzielle Sicherheit, Reisen und die persönliche Selbstverwirklichung einen höheren Stellenwert – auch, weil die Zukunft generell viel unsicherer geworden ist. Die Frage lautet also nicht mehr: „Wann bekommt ihr Kinder?“, sondern: „Möchte ich überhaupt welche – und kann ich sie mir leisten?“
Der Hund ist nicht die Ursache für den Geburtenrückgang. Er ist vielmehr ein Symbol dafür, wie sich die Lebensumstände verändert haben. Wenn Gesellschaft und Politik mehr Kinder wollen, sollten sie nicht auf Hundebesitzer zeigen, sondern jungen Familien das Leben erleichtern. Solange leistbares Wohnen, Kinderbetreuung und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu den Dauerbaustellen im Land gehören, wird sich vermutlich an rückläufigen Geburtenzahlen wenig ändern. Nicht die Liebe zu den Hunden ist das Problem – sondern die hohen Hürden für Kinder.






