
Silvia Böhler
Wir stecken in der Lesekrise
Heute ist Welttag des Buches. Ein Tag für das Lesen und all die Geschichten, die uns zum Lachen, Weinen und Träumen bringen. Das Lesen kann uns in andere Welten versetzen, es ist aber auch die Basis, für Informationen im Alltag und die Voraussetzung für das Lernen.
Doch die Lust am Lesen scheint zu schwinden. Stecken wir neben all den Krisen, die uns derzeit beschäftigen, mittlerweile auch in einer Lesekrise? Seit mehreren Jahren klagen Lehrlingsbetriebe, dass immer weniger Jugendliche sinnerfassend lesen können. Belegt werden die Defizite durch zahlreiche Erhebungen – vergangenes Jahr etwa das erste Vorarlberger Bildungsmonitoring. Demnach hat sich die Zahl der Schüler ohne erfolgreichen Schulabschluss seit 2015 mehr als verdoppelt. Rund 60 Prozent davon waren Jungs, und mehrheitlich Kinder mit einer anderen Erstsprache als Deutsch. Im März dieses Jahres nun eine weitere „Klatsche“: Laut dem neuen Kompetenztest des österreichischen Bildungsministeriums liegen Vorarlbergs Volksschulkinder sowohl beim Rechnen auch beim Lesen unter dem Österreichschnitt. Lediglich 55 Prozent der Kinder erreichen die Bildungsstandards in Deutsch. Eine mögliche Erklärung sieht das Ministerium in der Zusammensetzung der Klassen. In Vorarlberg besuchen überdurchschnittlich viele Kinder mit Migrationshintergrund oder einer anderen Erstsprache als Deutsch die Volksschule.
Die Landesregierung war nicht untätig. In den vergangenen zehn Jahren wurde eine Maßnahme nach der anderen zur Förderung des Lesens ins Leben gerufen. Neben den Lesewochen gibt es Lesepaten, Lesegütesiegel für Schulen, Wettbewerbe rund ums Lesen oder auch kostenlose Buchpakete für Familien, um die frühe Sprach- und Leseförderung zu unterstützen. Denn bevor Kinder überhaupt lesen können, wird ihre Neugierde auf Geschichten durch das Vorlesen geweckt. Wären all diese Maßnahmen nicht ergriffen worden, wären die Testergebnisse vielleicht noch schlechter – zufriedenstellend können sie aber nicht sein.
Um Lesen zu lernen, braucht es viel Unterstützung. Jemanden, der aufmerksam daneben sitzt, zuhört und wenn nötig freundlich verbessert. In der Schule kommt diese Einzelbetreuung offensichtlich zu kurz, zumal Lehrpersonen berichten, dass viele Kinder mit großen Sprachdefiziten in die Volksschule kommen und besondere Unterstützung benötigen. Personalvertreterin Petra Voit sagt: „Schulen können Versäumnisse nicht allein ausgleichen.“ Sie fordert, die Eltern in die Pflicht zu nehmen. Doch Eltern, die selbst nicht Deutsch sprechen, werden ihren Kindern nicht auf Deutsch vorlesen. Und deutschsprachige Kinder, die ihre Eltern nie lesen sehen, fangen auch nicht selbst damit an.
Die Landesregierung hat sich das Ziel gesetzt bis zum Jahr 2035 den chancenreichsten Lebensraum für Kinder zu schaffen. Die Förderung der Lesekompetenz ist dabei ein wichtiger Baustein. Ich bin gespannt, welche Maßnahme als nächstes folgt und uns aus der Lesekrise führt.



